Wir sind satt! – Informationelle Sättigung und Aufmerksamkeit als Währung unserer Zeit

„Die Leute sind satt.“
Zwei Mal habe ich diesen Satz jetzt schon gehört.

Einmal nachts um zwei bei einem Bier mit einigen Herren in einer zum Club ausgebauten Scheune. Es ging darum, dass die Leute lieber dünne Mädchen weinen sehen als Live-Musik zu hören und miteinander zu reden.

Das andere Mal heute am Telefon mit einem Referenten eines von mir organisierten Seminars. Tenor: Alle Vereine, Organisationen und Unternehmen wollen ihre Ideen unter die Leute bringen, aber es kommen immer weniger zu den Workshops, weniger zu den Community-Treffen, weniger sogar zu kostenlosen Webinaren. (Und man kann in Trainingshose an Webinaren teilnehmen!)

Wir sind satt! Und wir ertrinken in Informationen. Überfüttert mit Nachrichten und Unterhaltungsangeboten aus WhatsApp-Gruppen, Newslettern, thematisch geordneten Nachrichtensammelmaschinen und Aktivitätsströmen. Das Strömen ist dabei schon eine gute Metapher. Man kann eintauchen oder es einfach nur an sich vorbeifließen lassen.

Rumheulen hilft nicht. Also spiel‘ ich mal mit. Die Gurus sagen, ich soll eine Plattform schaffen, damit meine Botschaft rüberkommt. Aber jeder hat (irgend)eine Botschaft und je mehr Botschaften, desto weniger Zeit bleibt für jede einzelne, weil der Hunger nach neuen Informationen und unsere Zeit hier auf Erden begrenzt sind.

Was? Roger Willemsen ist tot? Kommentieren? Liken? Nachruf im Blog? – Keine Zeit, muss scrollen. Und wer ist dieser Dr. Lima, von dem immer so viel geteilt wird? – Na? Schon wieder ein Tab mehr im Browser offen? – Es ist zum Mäusemelken!

Jedes Mal überlegen wir, ob wir unsere Zeit in die Waagschale werfen und wir bewerten genau, wer unsere Aufmerksamkeit verdient. Denn Aufmerksamkeit ist die Währung unserer Zeit. – Ob da Studierende an der Uni ihre Dozenten mit Aufmerksamkeit „belohnen“, oder ob es die Serienjunkies sind oder Computerspieler, die ein Spiel zwar kaufen, aber dann im Schnitt nicht mal über eine Stunde Spielzeit kommen. Es ist egal. Das Grundmuster ist der information overload, die Informationsüberflutung, die uns in die Passivität treibt. Das schreibt zumindest Richard Sennett in „Die Kultur des neuen Kapitalismus“ auf Seite 136. Das hab‘ ich aber nicht gelesen. Das hab ich aus dem Quellennachweis der Wikipedia. Quod erat demonstrandum.

Kein Kopf. Keine Demut. Kein Lernen. Lustig und ansprechend und informativ rübergebracht sollen die Infos sein, aber bitte kein allzu großer Konzern, denn da ist das ja alles Masche und Kommerz und die haben ja auch Social-Media-Budget. Für ein Individuum ist es recht aufwändig, Botschaften effektiv zu platzieren.

Ich sehe als einzigen Ausweg in Richtung „weniger ist mehr“ die persönliche Ansprache von Kunden. Los geht’s:

Hallo Mama, Papa, Katja, Franzi, Theresa, Markus, Lenny, Max, Sophia, Julia, Martin, mindestens einer von den Depolds, vielleicht Pauline und natürlich alle Stefanies in den verschiedenen Schreibweisen! Liebe Grüße an euch alle und danke für die Teilnahme an meinen Gedanken. Sorry für den ganzen Patros, äh. Pathos. – Ist eh alles nur Käse.

Und nicht vergessen: Abschalten! – Sonst reißt euch die Strömung mit und ihr seid satt vor dem Hauptgericht.

Leichte Zeitnot

Wie die Zeit rennt! Ein extrem ruhiger Herrentag liegt hinter und ein extrem geschäftiger Monat vor mir.
Vor kurzem wurde ich als Vortragender zum hiesigen Doktorandenkolloquium an der FHB eingeladen. Das ist interessant, zumal die FH kaum etwas mit meiner Promotion zu tun hat. Das kostet Zeit, aber es hilft bestimmt auch, die Gedanken zur Diss mal wieder zu fokussieren und den Gesamtverlauf zu planen. Die Uhrzeit (16:30 Uhr) ist alles andere als familienfreundlich, aber als junger Elter (= Einzahl von „Eltern“, klingt aber wie eine Raupe) hat man sich daran gewöhnt, dass die Leute einfach davon ausgehen, dass man keine Kinder hat. Und wenn sie es dann wissen, wissen sie es oft trotzdem nicht, weil sie selbst keine haben. – Das ist kein Vorwurf, nur eine Problemdefinition. (Wo bleibt meine persönliche Awareness-Kampagne für „Junge Eltern in der Wissenschaft“?! 😉
Ansonsten schreibe ich fleißig Paper für verschiedene Konferenzen (natürlich eins nach dem anderen, um Multitasking-Verluste zu vermeiden). Ich finde es aber etwas komisch, dass ich momentan eher getrieben bin, als dass ich selbst richtig aktiv bestimmen kann. Wie viele Papers sollte ich pro Jahr veröffentlichen? Der Doktorvater sagt fünf, was auch dem Durchschnitt auf vielen Professoren-Homepages entspricht. Ich sollte die Papers ja eigentlich schreiben, um die Ideen für die Diss im echten Leben zu testen. Allerdings mache ich das bis jetzt noch nicht so stringent, sondern eher nach den Themen der Konferenzen und meinen (sehr breiten) persönlichen Interessen.
Zum Tag der offenen Tür der FHB hatte ich ein kurzes Planspiel zu agilem Projektmanagement für Schüler mit Lego vorbereitet. Vorbereitung hat viel Zeit in Anspruch genommen, aber es hat sich gelohnt. Ich hoffe, ich kann das noch öfters unterbringen (Wiederverwendung –> Synergie!). Hier ein Schnappschuss von der Aktion (den ich gerade auch noch getwittert habe und eigentlich auch noch auf die MQR-Homepage stellen müsste, um auch wirklich jede Werbemaßnahme ergriffen zu haben #TueGutesUndSprichDarüber):
Unser Industrieprojekt wird in diesem Monat enden. Ein Abschlussbericht mit Handlungsempfehlungen ist zu schreiben und einige weitere Dokumentationen zu erstellen. Der Stundensatz sinkt zwar immer weiter, aber ich hoffe auf wenigstens ein Anschlussprojekt dort.
Nebenbei läuft auch noch ein App-Entwicklungsprojekt an, zu dem ich aber noch nichts genaues sagen kann und darf.
Eins, über das ich sprechen darf, weil es schon verfügbar ist, ist die von Alexandru Severin, einem Studenten der FHB, entwickelte IBran-App. Ich habe versucht, das Ganze mal in Richtung Vermarktungsmöglichkeit für den Studentenkeller zu drehen. Mal gucken, was dabei rauskommt. Der rudimentäre Webservice für die Mensa-Funktion ist übrigens von mir. Da muss ich aber auch mal noch nacharbeiten.
Einige Aufgaben bleiben allerdings auch liegen und werden mir bestimmt bald um die Ohren fliegen. Wir werden sehen.