Eine Verquickung unglücklicher Tatsachen (#FailCompilation)

„Eine Odyssee ist lustig, eine Odyssee ist schön, denn da kann sein Flugzeug viel zu früh wegfliegen sehn‘.“

Ich schreibe das hier auf dem Weg zum Flughafen. Morgen Konferenz in Köln. Der Aufbruch war etwas überstürzt. Der Vormittag war für eine Beitragseinreichung bei einem ominösen aber potenziell lukrativen Wettbewerb draufgegangen, die Kofferfüllung wurde hastig zusammengestellt, dann noch ein kurzer Abstecher an die Hochschule, um Erstsemestern bei den ersten Schritten wissenschaftlichen Arbeitens zu helfen und beim Losgehen sprach Franzi am Telefon noch mit ihrem Betreuer über die Master-Thesis, die nun auch endlich in den letzten Zügen liegt. Wo ist denn die EC-Karte? Mist, irgendwie verloren. Kurze Panik aufgrund der fortgeschrittenen Zeit und dann einfach mit den 17,50 Euro Bargeld und einer Kreditkarte los, die sich noch zwischen alten Bahntickets und Quittungen im Portemonnaie versteckt hatten. Damit wird es schon gehen. Sind ja nur zwei Tage und alles ist schon gebucht und bezahlt.

Apropos letzte Züge: Züge sind ja ohnehin so eine Sache. Mal kommen sie pünktlich, mal weniger und manchmal gar nicht. Bisher hat alles gut geklappt und ich muss im Flieger oder am Abend in Köln nur noch meine Präsentation vorbereiten, die praktischerweise erst am zweiten Konferenztag eingeplant ist. Ein Streik ist frühestens für den Rückflug angedroht, was mich aber relativ unbeeindruckt lässt, weil die Konferenz ja dann wenigstens schon durch ist.

Ich nehme die mittlerweile wohlbekannte Strecke: Regionalbahn 1 bis Charlottenburg und dann den 109er Bus zum Flughafen Tegel. Aber Moment mal… – Tegel? Plötzlich kommt mir ein schrecklicher Verdacht: Hatte ich wirklich Tegel gewählt oder doch wegen der besseren Abflugzeit auf Schönefeld gesetzt? Siedend heiß fällt es mir ein: Schönefeld! – Beschämt und noch etwas paralysiert von meiner (ungewöhnlichen) Planlosigkeit gehe ich kurz die Optionen durch: 1) Von hier mit dem Taxi zum Flughafen: Dafür reicht die Kohle nicht. 2) Noch ein Stück mit der S-Bahn weiter und dann mit dem Taxi: Auch dafür reicht wahrscheinlich die Kohle nicht, weil immer noch eine halbe Stunde Fahrzeit und ebenso ungewisse Ankunft. 3) Weiterfahrt mit einer S-Bahn und Daumen drücken: Wenigstens schon bezahlt, Ankunft am Flughafen aber zur Abflugzeit um 18:15 Uhr, also definitiv zu spät. Aber jetzt aufzugeben ist total bescheuert, also los!

Irgendwann bimmelt das Telefon. Eine SMS? Von Germanwings?

„Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass sich Ihr Flug 4U43 am 04.11.2015 auf 18:30 verspätet. Check-in-Zeiten unverändert. Weitere Informationen: http://…“

YEEEES! Das breite Grinsen quer übers Gesicht lässt sich einfach nicht mehr aufhalten. Jetzt noch schnell mobil einchecken und es ist wieder alles möglich: Zimmerbuchung, Abendveranstaltung und der ganze erste Konferenztag.

Ok, konzentrieren: Ringbahn rechtsherum, dann mit der S45 um 17:50 Uhr zum Flughafen starten und alles ist schick! – Aber was ist das denn jetzt? Defekt am Fahrzeug? Zug fällt aus? Och nööö! Wieder Alternativen checken. Wieder keine Kohle. Neue Verbindung: Neukölln (Hallo Markus!) und dann mit dem Bus zum Flughafen. Zehn Minuten verloren. Mist.

Der Mann hinterm Schalter schüttelt nur noch den Kopf. Trotz Verspätung des Fliegers keine Chance noch reinzukommen. Die Anzeigetafel bekräftigt die traurige Wahrheit: Boarding completed.

FUCKsgerät!

Ich stehe noch einige Minuten verdattert rum und weiß nicht vor und nicht zurück. Nachtzug nach Köln? Mmpf. Mein Antrieb ist im Keller. Ich wandere noch ein wenig ratlos hin und her als ob ich noch auf irgendeine geniale Lösung kommen würde. Tu ich aber nicht.

Dann beginnt der Rückweg zur S-Bahn-Station. Wieder schleicht sich ein Grinsen quer über mein Gesicht. Es sieht aber ein bisschen anders aus als das erste. Ich beschließe, die 10,20 Euro für die Fahrkarten und die Folgekosten für die morgige Zugfahrt (50 Euro) als Lehrgeld zu verbuchen und mich dafür heute Abend richtig schön volllaufen zu lassen auf den morgigen Tag vorzubereiten. – Mit Reiseplanung, Präsentation und alles.

Die Rückfahrt im Kurzprotokoll:
19:35 Uhr: Signalstörung, Weiterfahrt verzögert sich etwas. (8 Minuten)
20:04 Uhr: Der Zug hat die 8 Minuten tatsächlich aufgeholt und kommt pünktlich in Golm an. – Und wartet dort dann offenbar auf den Sankt Nimmerleinstag.
20:10 Uhr: Abfahrt aus Golm. Ohne Sankt und zu spät.
20:13 Uhr: Bummel- und Anschlusszug fahren gleichzeitig in den Umsteigebahnhof ein.
20:13 Uhr: Mit leichter Atemnot komme ich am Gleis an und die Türe lässt sich auch noch öffnen. Das hat schon öfters nicht geklappt.
20:36 Uhr: Ankunft in Brandenburg.

Schaffenszeit

Ich bin gerade aus der Schweiz zurückgekommen und habe mehrere wichtige Erkenntnisse mitgebracht.

Erkenntnis #1: Mit „Erlebnishotel“ müssen nicht zwangsläufig positive Erlebnisse gemeint sein.

Ich weiß gar nicht, was an dem Hotel schlimmer war. – Service, Zimmer oder Frühstück.
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte:
Hotel mit Gefängnis-Charme (hier ohne Charme).

Erkenntnis #2: Mehr Zeit nehmen.

Ich habe die Reise kurz halten wollen, um nicht mit meinem Arbeitgeber über 100€ hin oder her für den zusätzlichen Aufenthalt diskutieren zu müssen. Und so bin ich Sonntag Nachmittag in den Flieger gestiegen und war (nach einem etwas hastigen Aufbruch nach dem letzten Vortrag) Montag Abend schon wieder zu Hause während die anderen Teilnehmer eine Bootstour über den bezaubernden mit bergklarem Wasser gefüllten Vierwaldstätter See genossen. Obwohl das Get-Together am Sonntagabend und der wissenschaftliche Teil der Konferenz am Montag sehr interessant waren, wäre das bestimmt eine gute Möglichkeit zur Entschleunigung, Reflektion und Vertiefung gewesen. Ergo: Beim nächsten Mal wieder mehr Zeit nehmen.

Blick auf das Ufer vom Vierwaldstätter See in Luzern, Schweiz

Erkenntnis #3: Die Schweiz hat signifikant höhere Lebenshaltungskosten im Vergleich zu – beispielsweise – den neuen Bundesländern. (Lies: Die Schweiz ist scheiße teuer!)

Flughafen Zürich –> Luzern: 26 Euro für’s Zugticket (gegen 6 Euro für ähnliche Strecke und Fahrzeit Flughafen Tegel –> Brandenburg). Klar, Hotels kosten halt Geld und auch für ein gutes Essen gebe ich gerne etwas mehr aus. Aber wenn dann auf der Weinkarte bei den Preisen schon keine Kommastellen mehr angegeben werden, ist eigentlich alles klar.

Ein Flammkuchen to go? – 15 Euro. „Why not?“, könnte man jetzt einfach sagen und für das Kurzurlaub-Erlebnis in die Tasche greifen. Oder man denkt darüber nach, wie viel Mehl, Schmand, Schinkenspeck und Zwiebeln man dafür kaufen könnte (Antwort: Genug für sechs große Flammkuchen.) und lässt es einfach mal sein.

Trotzdem auf dem Rückweg Schweizer Schokoladenspezialitäten mitgenommen, weil die Kollegen im Büro deren überlegene Qualität beteuerten. – Und offenbar Recht behalten.

Erkenntnis #4: Es ist an der Zeit, etwas zu schaffen.

Auf der Konferenz zwei Vorträge gehalten. Einen mit dem Disputationsmaterial von einem fertig gewordenen Mitstreiter (Glückwunsch dazu!) und einen eigenen, von dem ich dachte, er wäre ganz gut. – Wie man sich täuschen kann. Und das lag nicht am Warmreden (erst mein Thema, dann sein Thema) oder der Menge der Zuhörer (erst fast leer, dann vollbesetzt), sondern am mangelnden Mut, ein eigenes „Ding“ zu entwickeln und vorzustellen. Das ist nun aber mal die Aufgabe dieses kleinen Promotionsprojekts hier. Und mein erster Vortrag war nicht schlecht. Er war ziemlich gut recherchiert und hatte dadurch super Argumente. Es fehlte nur eben etwas. Die Lösung. Das Konzept. Die Methode. Das Modell. – Irgendeine Idee, die das alles zu einem sinnvollen Ganzen verbindet, schlüssig erklärbar und praktisch umsetzbar ist.

Update: Vollbesetzt war der zweite Vortrag, weil die anderen beiden Sessions leer waren und es der letzte Vortrag vor der Bootstour war. Also ist der Unterschied nicht ganz so krass. Fazit bleibt aber dasselbe.

Daher ist die persönlich wichtigste Erkenntnis, dass es langsam an der Zeit ist, etwas zu schaffen und es auf den Prüfstand zu stellen. Es endet: die Lese- und Rechtfertigungszeit. Es beginnt: die Schaffenszeit.

Abschlussbericht Software Quality Days 2015 (Wien)

Ich sitze am Wiener Flughafen und habe zwei Konferenztage hinter mir. Noch im Kurzzeitgedächtnis liegt der Vortrag des ORF-Journalisten Armin Wolf, der in der Abschluss-Keynote über „Qualität im Journalismus“ ein düsteres Bild der Printmedien  zeichnet. (Die FAZ nannte ihn laut Wiki „die österreichische Personalunion von Claus Kleber und Tom Buhrow“.) Das klassische Geschäftsmodell (Anzeigen + Abos) funktioniere nicht mehr (Böses Google, aus!) und ermögliche keine nachhaltigen Recherchen. Deshalb müsse man sich zukünftig von Milliardären kaufen lassen oder über Justin Biebers neuen Haarschnitt und Ashton Kutchers neue Freundin „berichten“. Als Qualitätskriterien für guten Journalismus nennt er einzig: Neuartigkeit, Wahrhaftigkeit und Relevanz.

Von Vorne und im Telegramm-Stil: Einige bekannte Gesichter gesehen. Nett unterhalten. Dann Vorträge angehört, diskutiert, protestiert. Live-Band angehört, wuuh! Wein getrunken. Bier getrunken. Mit zwei Vertrieblern ins „Salm Bräu“. Wiener Schnitzel: Lecker! Am nächsten Tag selbst Vortrag gehalten. Methodisch wahrscheinlich etwas zu dünn. Ins Gespräch gekommen mit einem Doktoranden aus Schweden, der auch im Bereich Software Engineering (insb. Test) seinen Doktor macht. Karten ausgetauscht. (Cool: Auf Schwedisch heißt Doktorand „Doktorand“.) Habe den Eindruck, mit meinem Thema auf dem richtigen Weg zu sein. Mobil bleibt „in“ und Qualitätsprobleme, die früh gelöst werden können, gibt’s auch genug.

Ich bei der Arbeit (Sofware Quality Days 2015, Wien)

Für Leute aus der Praxis war’s insgesamt wahrscheinlich zu wenig innovativ. Und auch sehr Marketing-lastig. Ich aber habe Einiges gelernt. Da bin ich auch gleich bei der ersten großen Erkenntnis der Reise: Etwas mehr Praxis könnte mir sicher nicht schaden. Ein entsprechendes Projekt ist bereits in der Planung, muss aber optimalerweise noch durch einen erfolgreichen Forschungsantrag in Gang gebracht werden. Aktivitäten in der Richtung und Gespräche mit potenziellen Partnern laufen. Aber das ist natürlich alles leichter geschrieben als getan.

Der zweite wichtige Punkt ist: Methodik stringenter in der eigenen Forschung einsetzen. Kurze Deadlines provozieren bei mir eine Tendenz zum Verfassen „technischer Berichte“ (technical reports), die nicht so gern gesehen werden, weil sie naturgemäß wenig Synthese/Analyse enthalten. Ich gelobe Besserung und nehme mir als Erstes die Erweiterung und Auswertung meines Umfragedatensatzes vor. Da wird dann analysiert und bewertet, was das Zeug hält. Versprochen.

Auf dem Weg zum Flughafen dann noch den Organisator einer anderen Konferenz getroffen, auf der ich schon mal war. Ich solle doch bitte was einreichen. Deadline ist in zwei Wochen. Hmpf.

Ausschnitt aus dem Programm der „Software Quality Days 2015“

Nachtrag: Auf dem Weg nach Wien hat sich endlich ein Schlagzeuger auf eine meiner Anzeigen gemeldet. Er wohnt etwas weiter weg als wahrscheinlich gut wäre und bei seiner bisherigen Musikrichtung bin ich (und ist er) gespannt, ob das passen kann. Ich berichte über Fortschritte.

Eiffelturm, offener Meinungsaustausch und Real-Life-Achievements (Reisebericht Teil 2)

22.07.2014 – Paris Sightseeing
Heute Touri-Programm. Primärziel: Eiffelturm. Die Karte (s.u.) zeigt den approximierten Ablauf der Tour. Blau sind die Metro-Fahrten, rot die ungefähren Laufwege. Einige Phasen sind nicht so ganz klar, wie man sieht. In Paris stolpert man aber sowieso von der einen Sehenswürdigkeit in die nächste. Der Eiffelturm rückt näher. Nebenbei die „Madeleine“ und ein paar andere historische Gebäude und Kirchen besichtigt und dabei viele deutsche Touristen bemerkt.
Meine erste Paris-Tour (Approximation). Das traurig schauende Gebäude ist Notre Dame.
Dann endlich am Turm und schwer beeindruckt von den Ausmaßen. Manche Dinge muss man wohl einfach selbst sehen. Zum selbst sehen war dann auch viel Zeit. Nicht ganz 20 Minuten an der ersten Kasse (5 €) mit Taschenkontrolle. Eine weitere Kontrolle mit Metalldetektor. Dann zu Fuß zur ersten Etage. Irgendwie wirkt es hier wie auf einer Baustelle. Liegt wohl am Baustil. (Hihi…!) Cool: In der Mitte der ersten Plattform ist der Fußboden ein paar Meter breit aus Glas, was bei vielen Besuchern schon von Weitem Angst oder zumindest Respekt hervorruft.
Kaputte Urinstinkte: „Warum sollte ich mich nicht in über 100 Meter Höhe auf einen unsichtbaren Fußboden stellen?“
Von der Seite sieht der Glasboden noch bedrohlicher aus.
Charmant-dekadente Ankündigungstafel an der Olympia Hall. Love it!

Nachwuchsförderung bei „Huré – createur de plaisir“.

Oben dauert’s wohl etwas länger…
Weiter zur zweiten Etage. Dort dann schon schöne Aussicht. Bei Sonne bestimmt genial. Dann festgestellt, dass sich alle Leute irgendwie hintereinandergestellt haben. Ringsherum gelaufen, um zu merken, dass das die Warteschlange für den Aufzug ist. Wartezeit war unten mit 45 Minuten angekündigt. Bei 18 Grad, einer steifen Brise und Sommerklamotten (Zuhause waren es 34 Grad; mit der Erwartung habe ich dann auch gepackt) waren das seeeehr lange 45 Minuten. Kurz vor dem Erfrierungstod dann doch noch einen Fahrstuhl ergattert und das herrliche Panorama (und den beheizten Innenraum) auf der Spitze genossen. Foto, Foto, Foto. Und wieder abwärts. Wieder schnaufende Menschen hinten mir gelassen (Sport lohnt sich) und nach knapp zwei Stunden wieder unten. Dort ist der Zugang wegen Überfüllung vorübergehend gesperrt. Noch ein Foto mit Hochschul-Tasche fürs Marketing. Check.
Spätes Mittagessen in der Stadt (Burger, s. Karte, 10 €) und eine größere Runde durch die Gassen.
Vielerorts läuft einfach nur Wasser aus den Gullis. Ein Gespräch mit dem Herrn links im Bild ergab: Paris hat zu viel Geld, deshalb wird es die Straßen hinuntergespült. (Es gibt also tatsächlich eine ganze Menge Parallelen zur deutschen Hauptstadt.)

23.07.2014 – Das Gala Dinner

Langes Rumeiern in der Früh, dann doch noch rechtzeitig zur Keynote da. Kontext-abhängige mobile Dienste. Interessant, aber recht oberflächlich. Dann noch ein paar Vorträge mitgenommen, darunter ein Ansatz zur automatisierten Labormaus-Beobachtung mit RFID-Tags.
Flanier- und Fressmeile in Paris und zum ersten Mal etwas Sonne.
Dann wieder Sightseeing. Dieses Mal weniger zielgerichtet, aber mit schönerem Wetter.
Zur abendlichen Panel-Diskussion dann wieder im Hotel. Dieses Mal zum Thema „Big Data“, zu dem drei von vier Panelisten eingestanden, dass sie damit eigentlich nicht so viel am Hut haben. Der vierte war ein Herr von NVIDIA und schien vertrauter mit der Materie zu sein. (Wer NVIDIA nicht kennt: Sehr wahrscheinlich berechnet die grafische Darstellung dieses Textes auf deinem Bildschirm gerade ein Grafikchip aus dem Hause NVIDIA.) Insgesamt aber – wie viele Big Data-Konferenzdiskussionen – viel zu breit, um wirklich zu konkreten Aussagen zu kommen. Vielleicht ist auch einfach der Begriff zu breit, als dass jemand ein annähernd repräsentatives Beispiel nennen könnte.
Noch kurz die Bordkarte an der Hotelrezeption ausdrucken lassen, dann ab zum „Gala Dinner“.
„Red wine or white wine?“, fragt der Teilnehmer aus Singapur zu meiner Linken. – Keine Ahnung! Ich weiß ja gar nicht, was es zu Essen gibt. „Red wine, thank you.“, sage ich und hoffe auf Steak. Die Tischrunde von ungefähr 10 Teilnehmern spaltet sich in kleine Grüppchen und jeder erzählt, wo er herkommt und was er so macht. Zu meiner Rechten sitzt ein Kollege aus Mittweida, mit dem ich mich am ersten Abend schon unterhalten hatte, daneben jemand aus Norwegen, mit dem ich erst deutsch gesprochen hatte, weil er GENAU SO (deutsch) aussah. Auf der anderen Seite des kreisrunden Tisches sitzt mir ein Mexikaner direkt gegenüber, der laut über die Besiedelung fremder Planeten durch den Menschen philosophiert.
Der Konferenzorganisator, ein sehr sympathischer älterer Herr, hält eine kurze und unterhaltsame Eröffnungsrede, in der er die länderspezifischen sprachlichen Besonderheiten der eingereichten Beiträge auseinander nimmt (Italiener benutzen extrem viele Adjektive und lange Sätze; Deutsche setzen die Adjektive immer ans Satzende etc.). Dann öffnet sich eine Tür an der Seite des Saals, an der keine Tische stehen, und eine opulent geschmückte „Person“ betritt den Raum. Ohne genauer auf Details eingehen zu wollen: Es war unterhaltsam. Die Ingenieurs-Steifigkeit fiel – trotz offensichtlicher anfänglicher Vorbehalte – mit jeder neuen Nummer des Varieté-Programms ab, was – zumindest an unserem Tisch – in eine feucht-fröhliche interkulturelle Gesprächsrunde mündete. Mittlerweile waren wir bei der Fußball-WM und der überragenden Leistung der deutschen National… blabla usw. angekommen. Der Mexikaner hätte ja nicht ausgerechnet MICH nach meiner Meinung zum Sieg fragen müssen. Der folgende verbale Schlagabtausch jedenfalls, der voll von seinem Unverständnis und seiner Entrüstung über meine Ignoranz gegenüber unserer Nationalsportart war, endete, nachdem ich keine Lust mehr hatte, mich mit seiner polemische Argumentationsweise zu beschäftigen, beschwingt-lustig mit einem „Well, then f*ck you!“ meinerseits. Das gefiel ihm offenbar. Wahrscheinlich suchte er aber auch selbst nur nach einem effektvollen Abschluss der Diskussion, da uns aufgrund der Gesprächslautstärke ohnehin bereits die volle Aufmerksamkeit mindestens unseres Tisches galt und wir wohl beide für die in Anspruch genommene Zeit mit einem würdigen Finale entschädigen wollten. Nach kurzem Zögern stand er jedenfalls auf und stieß beherzt mit mir an. – So einfach kann das manchmal sein.
Der Organisator sammelt mittlerweile die Weinflaschen von den sich leerenden Nebentischen ein und bringt sie zu uns. Am erzwungenen Ende des Abends (gegen 24 Uhr; das Personal wirft uns bereits böse Blicke zu) stehen zu viele Flaschen Wein auf dem Tisch, die da ursprünglich nicht hingehörten.
Unseren Mexikaner tragen wir die Treppen hinunter an die Hotelbar, wo der Abend mit einem Informationsgespräch zu deutschen Biersorten beendet wird. International bekannt sind offenbar nur Oettinger und Sternburger. Na dann, gute Nacht!
24.07.2014 – Abreise
Frühe Abreise
Im Flugzeug bemerke ich zum ersten Mal bewusst die Sprühnebel-Bedampfung, die wohl die Klimaanlage darstellen soll. Ich komme mir vor wie Gemüse im Supermarkt. Ob man im Flugzeug deshalb vielleicht weniger schnell altert? Ich denke daran, dass Stewardessen fast immer jung aussehen. Ich dachte bisher, das liegt an der Schminke, aber nun habe ich einen alternativen Erklärungsansatz.
Ein weiterer interessanter Effekt hat sich eingestellt: Wenn ich seriös gekleidet bin (heute mal komplett schwarz von den Schuhen bis zum kurzärmeligen Hemd), sprechen mich überproportional viele Leute an und erfragen die Uhrzeit, eine Zugverbindung nach Werder („No, Werder is actually not IN Berlin.“) oder andere Lappalien ihres Alltags („Ja, das ist schon sehr ärgerlich mit dem umgekippten Kaffee.“). Kleider machen Leute. Sogar mich.
Und noch eine letzte Reisebemerkung: Ich hoffe, diese Nerd-Brillen-Geschichte („Streber-Look“) bei Frauen ist bald vorbei. Bei manchen sieht’s gut aus, bei den meisten aber einfach nur aufgesetzt (Wortspiel unbeabsichtigt).

Ankunft in Brandenburg gegen Mittag. Dann die Offenbarung: Kind Nummer zwei muss zur Oma gefahren werden. Schließlich sind Ferien.

Transportstatistik am Ende des Tages:

1,5 Stunden Metro
1,5 Stunden Flugzeug
0,5 Stunden Bus
1,25 Stunden Regionalexpress
0,25 Stunden Straßenbahn
4 Stunden Auto
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9 Stunden in Verkehrsmitteln
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Wenn es im echten Leben ein „Transporter“-Achievement gäbe, hätte ich es heute bestimmt verdient. Gleich nach dem „CO2-Bastard“-Achievement. – So viele Bäume kann ich gar nicht pflanzen.

[Hier geht’s zum ersten Teil des Reiseberichts.]

Schwitzende Chinesen und naschhafte Franzosen (Reisebericht Teil 1)

20.07.2014  – Anreise

Ein pünktlich erreichter Zug. Ein verspäteter Zug. Ein voller Ersatzzug. Ein verpasster Bus. Ein schnelles Taxi. Eine extrem kurze Wartezeit am Gate. Ein kurzer Flug. – Just-in-Time, baby!

Dann mit der Metro auf blauen Dunst in Richtung Stadt gefahren und nach Gefühl ausgestiegen. (Aus Geiz und ein wenig Abenteuerlust verzichte ich im Ausland oft auf einen Datentarif.) Kreative Elektroinstallation und auch sonst unkonventionelle Sicherungsmaßnahmen in den Unterführungen. Übermäßig pünktlich (19 Uhr) im Osten Paris‘ (20. Arrondissement) angekommen, um auf meiner Couch einzuchecken (wieder aus Geiz und Abenteuerlust, diesmal aber mehr vom zweiten). Irgendwie keiner da. Mh.

Ab zum Begrüßungscocktail im benachbarten Hotel, wo auch die Konferenz stattfindet. Der Cocktail ist mehr ein buntes Sektchen und tatsächlich auch nur einer. Ein nettes Gespräch und der Wunsch, nun doch nochmal den Checkin zu versuchen. Fehlschlag noch vor dem Verlassen des Hotels. – Strömender Regen. Mit Bauklötzen in der Kinderecke des Hotels eine beeindruckende Konstruktion hergestellt. Andere Petrus-Opfer getroffen und mit ihnen unter Nieselregen die Umgebung nach offenen Restaurants abgesucht. Schließlich eins gefunden und etwas gegessen. French Dressing ist auch in Frankreich Mist.

Ein chinesischer Doktorand teilt dem ebenfalls am Tisch sitzenden Lübecker und mir mit: „I’m schwitzing.“ Und grinst. – Zeit, nach Hause zu gehen. Mittlerweile gegen 22 Uhr. Zweiter Checkin-Versuch. Dieses Mal mit Anruf meinerseits und der Erkenntnis, nicht genau gelesen und dadurch den Eingang verpasst zu haben. Sehr freundliche Begrüßung und Führung durch das echt coole Loft. Ein Tee und eine sehr erholsame Nacht.

Mein Browser kann die nahe Zukunft voraussagen und zeigte mir zur Begrüßung ein passendes Bild zu meiner anstehenden Reise.

21.07.2014 – Erster Konferenztag

Spätes Aufstehen (8 Uhr). Dann Folien, Frühsport und Frühstück. Kleine Einkaufstour im örtlichen Supermarkt, der seinem Namen mit 2-kg-Nutella-Fässern absolut gerecht wird. Dann eine halbe Obst-Plantage in der Mitte und Hinweisschilder über Kirschen, Aprikosen und anderen im Vorbeigehen unauffällig konsumierbaren Obstsorten: Bitte nicht essen, verstößt gegen Paragraph xy der Hausordnung, Strafe usw. Und dann nacheinander drei Einheimische, die das große rote Schild geflissentlich ignorieren und sich nach Herzenslust bedienen. Heimweg unter erschwerten Bedingungen: Franzosen in Autos. Ein bisschen irre ist das schon.

Dann zur Konferenz. Zwei Sessions mitgenommen. Selbst Vortrag gehalten. Erste Folie auf französisch übersetzt und die ersten zwei Sätze ebenfalls auf französisch gehalten. Dann große Erleichterung und nachhaltig wohlwollende Stimmung und Aufmerksamkeit des Publikums beim Wechsel auf Englisch. Der Witz war zugegebenermaßen mutig, hat aber gezündet. Normalerweise sind Wissenschaftler-Witze auf Konferenzen sehr – nun ja – bemüht.

Eine lange Pause und eine sehr breit angelegte Panel-Diskussion (Wissenschaftler-Deutsch: „Das sind sehr komplementäre Themen.“ = „Das hat ja überhaupt nicht zusammengepasst.“) später gegen 20 Uhr zu Hause. Musik an. Ein 7-Ei-Omelette mit Kirschtomaten und roter Zwiebel zubereiten und Bericht schreiben im Garten (s. Bild). Die anderen Loft-Bewohner sind irgendwie ausgeflogen. Morgen ist Touri-Programm angesagt. André out.

[Hier geht’s zum zweiten Teil des Reiseberichts.]

Zugfahren und warum ich meinen Job mag

Ich sitze im Zug auf dem Rückweg von einer Konferenz. Der Zug tut allerdings nicht das, wofür er gemacht wurde. Hauptsächlich steht er nämlich. Manchmal zischt es. Ab und zu knackt es. Und praktisch dauerhaft pfeift ein kalter Wind aus der Klimaanlage. Die offizielle Version zum mittlerweile 30-minütigen Stillstand lautete schlicht „Polizeieinsatz“. Die Gerüchteküche, die sich zwischenzeitlich im Zug entwickelt hat, spricht von zwei betrunkenen Behinderten (bzw. „behinderten Betrunkenen“ – Keine Ahnung, wie die Rangfolge hier politisch korrekt angegeben wird.), die sich in der Bordtoilette eingeschlossen hätten. Handyempfang ist null, weil wir an irgendeinem Bahnhof mitten in der Pampa gehalten haben. Da hätte ich mir meine Irre-beeilen-um-einen-Zug-eher-zu-kriegen-und-früher-zu-Hause-zu-sein-Strategie sparen und mich stattdessen noch eine Stunde am Konferenzort vergnügen können (Hafenfest).
Jedenfalls musste ich daran denken, wie produktiv ich eigentlich von überall arbeiten kann und wie angenehm das ist. – Laptop raus und Action. Am besten Lesen, Schreibaufgaben oder Ideenfindung. Grafische Sachen und Recherche machen mobil hingegen keinen Spaß. – Oft auch mangels Internetzugang. Aber gerade mangelnder Zugang zu Informationen bringt mich oft wieder mehr zum selber nachdenken. Die Details und Annahmen kann man später immer noch prüfen. Aber man denkt wenigstens erstmal eigene Gedanken, statt gleich im Netz eine Lösung zu suchen und sich damit zufrieden zu geben.
Der Zug rollt wieder. 55 Minuten

Verspätung. Die Dame kommt rum und verteilt Entschuldigungszettel. Ich glaube, ich will auch einen haben.

Die Konferenz war sehr entspannt. Sehr breite, aber interessante und praxisnahe Themen. Abendveranstaltung war ein Segeltörn auf dem Lotsenschoner „Atalanta“. Parallel zu uns fuhr auch noch eine Kogge los. Das ist so ein gewaltiges Wikingerschiff mit einem großen Segel und zwei Drehbassen (kleine drehbare Kanonen). Unser Schiff war auch recht groß. Aber statt Drehbassen und Riesensegel hatten wir Gulaschsuppe und Bier. Zwischendurch gab‘s dann auch noch ne Runde Kurze. Und damit meine ich nicht die Köchin…*Fremdschäm-Anlacher*
Danach ging’s noch in kleiner Gruppe weiter zum Fußballgucken in eine Bar in der Innenstadt. Fußball interessiert mich immer noch herzlich wenig, aber Pizza und Long-Island waren sau-lecker und so hab ich die 90 Minuten auch rumgekriegt. Ein toller Ausklang des Abends. Danach mit dem geliehenen Fahrrad zurück zur privat gemieteten Wohnung. Airbnb rockt. Freu mich schon auf Paris, nächsten Monat. – Ich sag ja, cooler Job.
Habe jetzt auch einen Entschuldigungszettel (Polizeieinsatz, 55 Minuten Verspätung) und ein Formular zu den Fahrgastrechten. – Ich habe demnach das Recht auf 25% Kostenerstattung, wenn der Zug – wait for it – 60 Minuten Verspätung hat. Großes Kino, Deutsche Bahn. – Echt. Großes. Kino.

P.s. Offenbar hat die Deutsche Bahn jetzt auch ihre Mitarbeiter mit QR-Code-Scannern geupgradet. Jedenfalls genügte den Bahn-Kontrollettis auf meiner Hin- und Rückfahrt nur ein kurzer Blick auf den komplexen Kästchen-Code auf meinem Smartphone, um die Rechtmäßigkeit meiner Fahrt abzunicken. Ich schätze, dass die Scanner in die Netzhaut der Mitarbeiter eingearbeitet wurden. Eine sehr nützliche Idee, wie ich finde.